Die Kaskaden
10. August
Heute fahre ich die zweite Hälfte der Strecke gen Westen. Nach gemütlichem Einkaufen im Walmart und einem Kaffee von der Tankstelle gehts auch bereits los.
An dieser Stelle will ich noch meine Meinung einbringen, dass amerikanischer Kaffee nicht so schlecht ist, wie alle behaupten. Ich trinke Kaffee sowieso immer mit Milch und Zucker, weshalb der Grundgeschmack normalerweise verschmiert wird. Die Amis leeren zusätzlich zum Kaffee noch einen 'Creamer' dazu, welcher eigentlich wie unsere Milch dient. Der Unterschied: Hier ist es eine Mischung aus Milch, Rahm, Süssungsmitteln und Geschmacksstoffen. Wenn ich mir also in den Kaffee noch den 'French Vanilla' Geschmack hinzugebe, ist dies ein sehr willkommenes Getränk. (Auch sind die Becher hier so gross, dass man einen halben Liter Kaffee trinken kann, zum Preis von 1.5CHF.)
Die Fahrt zieht sich lange durch Getreidefelder, bis die Landschaft sich erhebt und ich langsam in die Kaskaden komme (engl. cascades). Ich höre zur Fahrt ein 'Audible Original', eine ganz schnulzige Liebesgeschichte eines Mädchens, welche mir jedoch als "Fantasy und Abenteuer" verkauft wurde...
In den Nördlichen Kaskaden im Nationalpark angekommen, gehe ich relativ schnurstracks ins Bett, da ich morgen meine erste 'Backcountry'-Mehrtageswanderung machen werde.
11. August
Ich stehe früh auf und gehe zur Ranger Station, welche die Backcountry Permits ausgibt. Leider bin ich nicht schnell genug, und die Wanderung, welche ich ursprünglich machen wollte, ist schon ausgebucht
Ich erkundige mich nach Alternativen und die Rangerin schlägt mir die Wanderung zum 'Monogram Lake' vor.
Grizzlybären gibt es hier nicht, erklärt sie mir. Schwarzbären gibt es jedoch zu Hauf und so muss ich einen Bärentresor (engl. bear vault) auf die Wanderung mittragen. Hier gehört alles rein, was riecht. Essen, Geschirrspülmittel, Zahnpasta, Dreckiges Geschirr. Meine Socken lagere ich separat, ich erachte sie für einen Bären als ungeniessbar.
Die Wanderung beginnt und schon nach wenigen Minuten bin ich durchgeschwitzt. Die Kaskadentäler liegen auf ca. 100 m.ü.M, während sich die Gipfel auf nur etwa 2500m erheben.
Dementsprechend ist es in den Tälern unaushaltbar heiss. Auf den Gipfeln ist Schnee (und sogar einige Gletscher) jedoch weitverbreitet. Dieser Park erinnert mich mehr an Gletscher als der Glacier Nationalpark.
Die Wanderung ist auf den ersten 4 Meilen relativ eintönig. Der Weg windet sich die Hügel im Zickzack hoch, während die Tannenbäume einem die hart erarbeitete Aussicht rauben.
Irgendwo biege ich dann zum See ab. Hier gibt es viel weniger Wanderer. Nachdem ich etwa 20 Spinnennetze (oder Raupenfäden) ins Gesicht bekomme, hebe ich einen Stock und schwinge ihn wie einen Knüppel vor mir.
Glücklicherweise fange ich dies an, denn wenig später finde ich ein komplettes Spinnennetz (nicht nur Fäden) inklusive einer dicken Spinne in der Mitte quer über dem Weg gespannt. Ich stelle mir vor, wenn ich das ins Gesicht bekommen hätte...
Ich prügle mit meinem Stock noch ein paar Spinnen aus ihren Netzen und gelange dann ENDLICH an die frische Luft. Hier, kurz vor der Baumgrenze, lichten sich die Bäume und weichen Bergblumen und Blaubeeren.
Ebenfalls hat man spektakuläre Aussicht auf die Berge und den See. Am See hisste ich schnell mein Zelt und ging eine Runde baden. Die obersten 20cm waren angenehm warm, darunter war das Wasser eisig.
Wenig später kommt ein Junge in meinem Alter an. Ich begrüsse ihn sogleich und will auf Ami-Art mit ihm Smalltalk machen. Er weicht mir jedoch aus und antwortet und knapp und distanziert. Nach einigen qualvollen Minuten Monolog meinerseits, lasse ich von ihm ab. Er fängt an zu Fischen, fängt nach wenigen Minuten einen 'Cutthroat Trout' und ruft sogleich seine Mutter an,um sich zu beklagen, er habe nichts mehr zu tun, da er keine weiteren Fische fangen kann?!?!
Naja irgendwie vertreibe ich mir die Zeit bis zum Abend, esse ein paar Beeren und liege dann in mein Zelt. Ich stelle mir einen Wecker auf die 0300, da ich ein Foto des Nachthimmels machen will.
12. August
Um Punkt 0300 stehe ich auf und schleppe mich aus dem Zelt. Was ich nicht berücksichtigte: Der Mond war fast voll. Wenn ihr euch nun fragt, was das für einen Unterschied macht, könnt ihr gerne dieses Bild betrachten.
Man beachte die Sterne im Himmel...Auch wenn die Bilder auf ihre Art cool sind, gehe ich trotzdem frustriert schlafen.
Am nächsten morgen wache ich früh auf, esse Frühstück und reisse das Zelt ab. Währenddessen läuft der introvertierte Junge von gestern bereits los.
Ich folge ihm wenig später. Nach 20 Minuten bekomme ich jedoch die erste Spinnwebe ins Gesicht und frage mich, wie schnell diese Viecher ihre Netze erneuern. Als ich jedoch wenig später ein vollkommenes Spinnennetz quer über dem Weg erblicke, überkommt mich der Verdacht, dass der Junge nicht hierduech zurück ist (auch wenn dies der einzige offizielle Weg ist).
Wenig später bestätigt sich dies, als ich einen Wanderer Richtung See begrüsse, der mir seinerseits erzählt, er habe seine Seite des Weges bereits von Spinnweben befreit. Dankbar entledige ich mich meinem Knüppel.
Der Abstieg dauert länger als mir angenehm ist, das zusätzliche Gewicht des Rucksacks und die vortagige Anstrengung vermindern meine Leistungsfähigkeit deutlich.
Irgendwo lauerten noch aggressive Bienen auf mich (dies hatte mir ein Wanderer erzählt). Anscheinend sind sie im 4. Rank von unten. Von oben kommend brachte mir das wenig... Prompt trat ich auf ihr Loch und sie gingen in Angriff über. Zum Glück kam keine auf die Idee höher als der Knöchelschutz meines Wanderschuhs zu stechen.
Zurück im Visitor Center retourniere ich den Bärentresor und überlege mir, wo ich die Nacht verbringen will. Mein Plan sah es eigentlich vor, nochmals in den Kaskaden zu schlafen, um dann am nächsten Morgen in den Mount Rainier Park zu gehen. Ich sehe auf der Parkseite, dass es im Mount Rainier wieder einen 'timed entry' gibt. Mit 4h Fahrt hätte ich um 0230 los müssen.
Also buche ich mir spontan ein Airbnb südlich von Seattle und fahre dorthin.
Am Abend schlafe ich schnell ein.
Das Dr. Pepper ist genauso grusig wie man es sich vorstellt.13. August
Ich stehe trotz Airbnb um 0450 auf und fahre los. Ich erreiche den Park um 0645, eine Viertelstunde bevor eine Reservation benötigt gewesen wäre. Als Erstes gehe ich auf den Zeltplatz, welcher First-Come-First-Served ist und schnappe mir einen leeren Platz.
Bald darauf fahre ich dir Strasse zu 'Sunrise' hoch. Während man Mount Rainier (einen Vulkan von etwa 4500m) schon von Seattle aus sah, ist er von hier noch beeindruckender.
Ich unternehme spontan eine Wanderung in Richtung von einem Basecamp. Die Ausblicke auf den gletscherüberzogenen Gipfel werden immer besser. Jedoch ziehlt plötzlich Rauch auf, welcher das ganze Tal anfüllt und die Sicht verdunkelt.
Ich führe die Wanderung fort und der Rauch verzieht sich zum Glück wieder und gibt den Blick auf den Berg frei. Für die Indianer ist er heilig. Als ich davor stehe, weiss ich schon wieso.
Auf der Wanderung gab es einige wunderschöne Wildblumen, welche ich hier vorstelle.
Zurück im Camping bin ich totmüde. Ich koche bereits um 1700 Nachessen und krieche gegen 1900 ins Bett, um den Schlaf nachzuholen.
Notizen:
Ich wurde von einem Wanderer dumm angemacht, weil ich auf einem Gipfel mit Laura und Mami telefonierte. Das Problem habe ich nicht genau begriffen, andere Leute redeten ja auch miteinander. Für mich war es das erste Mal im Park, seit ich Internet hatte.
Die North Cascades gefielen mir gut, sie sind ähnlich zu den Alpen. Mount Rainier ist jedoch ein anderes Kaliber, die schiere Grösse des Berges ist wahrlich überwältigend. Vor allem, da er alleine steht und man direkt zum Meer sieht.
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